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Interview - Verbraucherschutz auf Abwegen

Donnerstag, 21 Februar 2013 20:30 geschrieben von 

Bei den Themen Lebensversicherung und PKV schädigt der Verbraucherschutz nach Ansicht vieler Beobachter mitunter die Interessen der Verbraucher selbst. Im Gespräch mit PERFORMANCE äußert Prof. Dr. Kurt Wolfsdorf deutliche Kritik.

 

 

Verbraucherschützer warnen vor dem Abschluss von Lebensversicherungen, deren Rendite viel zu niedrig sei. Zudem stehe nicht fest, ob die Versicherer ihre Zinsgarantien in der Zukunft überhaupt einhalten können.

Wolfsdorf: Von diesen Aussagen halte ich nicht viel. Seit der Währungsreform, also seit fast sieben Jahrzehnten, mussten Lebensversicherte noch niemals einen Verlust ihres eingezahlten Geldes hinnehmen. Das war weder beim Zusammenbruch der Mannheimer Lebensversicherung noch bei der Schieflage der Familienfürsorge der Fall. Beim erstgenannten Unternehmen wurden die Verträge über Protektor aufgefangen, das Geschäft der Familienfürsorge ist reibungslos auf die HUK-Coburg übergegangen. An diesem gelungenen Prozess war ich selbst maßgeblich beteiligt.

 

 

Und wie steht es um die Rendite?

Wolfsdorf: Es gibt hierbei zwei wesentliche Aspekte zu beachten. Einerseits sind die Lebensversicherer Opfer der europaweiten Niedrigzinspolitik. Das betrifft allerdings auch alle anderen Sparformen mit Ausnahme von Aktien. Auf der anderen Seite vernachlässigt die Kritik der Verbraucherschützer eklatant, dass die Verzinsung in erheblichem Maß mit der Inflation korreliert. Hohe Zinsen gehen stets einher mit einer höheren Geldentwertung. Zu den vermeintlich seligen Zeiten, als die Überschussbeteiligung vieler Lebensversicherer eine Sieben vor dem Komma hatte, mussten wir auch mit fünf Prozent Inflation leben. Heute, also in der Niedrigzinsphase, liegt die jährliche Inflationsrate bei nur etwa zwei Prozent.

 

 

Steckt hinter vielen Angriffen von Verbraucherschützer nur mangelnde Sachkenntnis oder auch eine grundsätzliche Aversion gegen Versicherungsunternehmen?

Wolfsdorf: Man muss hier differenzieren. Es gibt sicher Verbraucherschützer, die es durchaus gut meinen und sich sorgen, mangels ausreichender Sachkenntnis jedoch zuweilen falsch liegen. Aber es gibt auch Kritiker, die eine tiefe persönliche Abneigung gegen Versicherungen hegen und bei denen diese Einstellung zu teilweise absurden Beurteilungen führt. Schauen Sie, der Gedanke des Verbraucherschutzes reicht ja bis ins 19. Jahrhundert zurück, und ohne ihn könnte eine soziale Marktwirtschaft gar nicht existieren. Es wird allerdings immer dann gefährlich, wenn auf diesem Ticket Menschen reisen, die eigentlich etwas ganz anderes im Sinn haben.

Die maßgeblich vom Verbraucherschutz initiierte Beteiligung der Kunden an den Bewertungsreserven ist zu Lasten der Überschüsse gegangen. Haben wir es hier mit einem Schildbürgerstreich zu tun?

Wolfsdorf: Im Jahr 2005 hat es das Urteil des Bundesverfassungsgericht zur Beteiligung der Kunden an den stillen Reserven ihrer Lebensversicherer gegeben, umgesetzt wurde es dann 2008 im neuen Versicherungsvertragsgesetz. In der Tat hatten die Unternehmen noch einige Jahre vor dem Spruch der Karlsruher Richter über erhebliche Buchgewinne etwa aus ihren Aktien- oder Immobilienbeständen verfügt, die allerdings zum Zeitpunkt des Inkrafttretens des VVG bereits weitgehend an die Kunden weitergereicht worden waren beziehungsweise durch den Aktiencrash verloren gingen. Dennoch mussten die Versicherer mit einem Milliardenaufwand neue Verteilungsmechanismen implementieren. Und das obwohl es tatsächlich kaum noch etwas zu verteilen gab. Mit Ihrem Begriff „Schildbürgerstreich" liegen Sie also gar nicht so daneben.

Beispiele dafür, wie weit der Verbraucherschutz mitunter übers Ziel hinausschießt, gibt es reichlich. Da wären etwa die Transparenzanforderungen an den Vertrieb. Allen Erfahrungen nach wünschen die Verbraucher gar nicht, dass sie beim Vertragsabschluss mit einer Flut an Unterlagen, an schriftlichen Aufklärungen, Protokollen und sonstigen Informationen zwangsbeglückt werden. Wer bezahlt dies letztlich?

Wolfsdorf: Gar keine Frage, natürlich die Verbraucher. Im Gegenzug erleben sie einen Overkill an Informationen, der rasch zur Hilflosigkeit führt. Die Anforderungen an Versicherer und Vermittler sind hierzulande überaus formalistisch aufgebaut, weniger wäre in manchen Fällen sicher mehr gewesen Ein angemessenes Maß kann ich vielfach jedenfalls nicht erkennen. Dass es besser geht, macht uns ja das Ausland vor, wo mitunter alle nützlichen Informationen inklusive erklärenden Bildern und Piktogrammen auf ein bis zwei Seiten Platz finden. Die Niederlande sind hierbei geradezu vorbildlich.

Die vom Verbraucherschutz ebenfalls durchgesetzten höheren Rückkaufwerte bei vorzeitiger Vertragskündigung gehen nach Angaben der Versicherer zu Lasten des Bestandes. Wie dürfen wir dies genau verstehen?

Wolfsdorf: Nun ja, ich kann jeden Euro nur einmal ausgeben. Die Leistungen der Lebensversicherer werden von Aktuaren, also mathematisch Sachverständigen, für die Zukunft kalkuliert. So hat der Gesetzgeber es festgeschrieben. Über dieses Modell hat sich der seinerzeit von Verbraucherverbänden angerufene Bundesgerichtshof jedoch hinweggesetzt und festgelegt welcher zusätzliche Anteil zum heutigen und möglichen späteren Guthaben bei einem Rückkauf der Police an jeden einzelnen Kunden auszuzahlen ist. Davon, und das ist besonders heikel, waren aber nicht nur Neuverträge betroffen sondern auch der Bestand, der ja ursprünglich völlig anders kalkuliert worden war. Es kann doch gar keine Frage sein, dass dieses Umdenken zu Lasten der gesamten Überschussbeteiligung gegangen ist – und zwar mit einem hohen Milliardenbetrag.

Es gibt mitunter sogar Äußerungen, keine Altersvorsorge sei besser als eine schlechte. Sie werden gern als Abwehrmechanismus eingesetzt, wenn Verbraucherschützer nach sinnvollen Alternativen gefragt werden und darauf keine schlüssige Antwort wissen.

Wolfsdorf: Diese Einstellung ist völliger Unsinn, und dies nicht nur wegen der noch immer attraktiven Verzinsung und der Absicherung des Langlebigkeitsrisikos, die es ausschließlich bei Lebensversicherungen gibt. Es kann sich doch heute allen Ernstes niemand hinstellen und vorhersagen, mit welcher Art von Altersvorsorge man in Jahrzehnen besser abgeschnitten haben wird. Ist ein Fonds besser als eine private Rentenversicherung, ein Riester- besser als ein Rürup-Vertrag? Dies zu beantworten, ist Kaffeesatzleserei. Im Übrigen halte ich solche Äußerungen schon grundsätzlich für verheerend. Wir alle wissen, dass die gesetzliche Rente allein schon heute nicht reicht und dass sich dieses Problem künftig noch erheblich verschärfen wird. Private Altersvorsorge ist unverzichtbar.

Ganz aktuell ist das Thema Unisex. Auch hier hat der Verbraucherschutz durchgesetzt, dass die Beiträge nicht mehr analog zu den tatsächlichen Risiken kalkuliert werden dürfen. Mit normalem Men-schenverstand ist das kaum nachvollziehbar. Dennoch haben die Richter beim Europäischen Gerichtshof diesem Begehren stattgegeben. Ist Verbraucherschutz mittlerweile derart mächtig geworden, dass sogar höchste Instanzen davor einknicken?

Wolfsdorf: Es gab zu allen Zeiten einen Antagonismus zwischen den Partikularinteressen der Individuen und dem Gesellschaftsinteresse. Das Pendel schwingt seit geraumer Zeit eindeutig hin zu Ersteren. Im Versicherungswesen führt dies zu einem schwer auflösbaren Konflikt, denn dieses System ist kollektivgebunden und führt über die Zeitschiene zu einem Ausgleich der Interessen. Wie auch schon bei den höheren Rückkaufwerten, findet bei Unisex eine Spekulation gegen das Kollektiv statt. Der Europäische Gerichtshof hat gleichwohl streng formalistisch und im Einklang mit dem hehren Gedanken der Gleichbehandlung entschieden. Diese ist in der EU bekanntlich ein hohes Gut, nach der allerdings nur Gleichartiges gleich zu behandeln sei. Den Kollektivgedanken haben die Richter dabei aber verbogen.

Auf welche weiteren Vorstöße müssen sich die Versicherer denn darüber hinaus für die Zukunft einstellen?

Wolfsdorf: Dem Unsinn sind keine Grenzen gesetzt. So haben Behindertenverbände ja bereits bei der Anhörung zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz ein Petitum abgegeben, Vorerkrankungen beim Abschluss von privaten Kranken- oder Berufsunfähigkeitsversicherungen nicht mehr zu berücksichtigen. Dies sei diskriminierend. Und im Arbeitsrecht werden Prozesse wegen Altersdiskriminierung geführt. Es ist also denkbar, dass irgendwann einmal das Eintrittsalter als Kalkulationsgrundlage fallen könnte.

Nicht wenige Beobachter mutmaßen, dass das Thema Honorarberatung von Verbraucherschützern auch im eigenen Interesse forciert wird. Die Verbraucherberatungen sind notorisch klamm.

Wolfsdorf: Das mag durchaus so sein, ausschließen würde ich eine solche Intention jedenfalls nicht. Geld war noch zu allen Zeiten ein stichhaltiges Argument, um ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Würde die Honorarberatung eines Tages zum ausschließlichen Weg bei der Versicherungsvermittlung, könnten die Verbraucherzentralen hieraus eine Menge Vorteile ziehen.

In diesem Zusammenhang spielt auch die Verquickung von Verbraucherschützern und politischen Mandaten eine Rolle. Wenn Geschäftsführer von Verbraucherzentralen in Landtagen oder im sogar Bundestag sitzen und dort über eine Ausweitung des Verbraucherschutzes, also ihrer eigenen Interessen abstimmen, ist das doch perfekter Lobbyismus in eigener Sache.

Wolfsdorf: Das Parlament ist voll von Lobbyisten.

Vor einiger Zeit wurde eine Studie veröffentlicht, in der den Verbraucherzentralen eine denkbar schlechte Beratungsqualität attestiert wurde. Warum gibt es eigentlich keine ausreichenden Qualifikationsstandards für die dortigen Berater?

Wolfsdorf: Das verstehe ich beim besten Willen auch nicht. Wenn Verbraucherberater im Zusammenhang mit Versicherungsverträgen tätig werden, sollten sie auch über dieselbe fachliche Qualifi-kation verfügen müssen wie Makler oder Mehrfachagenten.

Schützen Verbraucherschützer eigentlich wirklich die Verbraucher? Oder müssten Letztere nicht eher Angst vor ihnen haben? Schließlich hat Unisex teilweise kräftige Beitragserhöhungen bewirkt.

Wolfsdorf: Es ist in der Tat um das Wirken vieler Verbraucherschützer schlecht bestellt. Ich erinnere hier nur noch einmal an meine Ausführungen zu den Bewertungsreserven oder den Rückkaufwerten. Das haben im Ergebnis nicht die Aktionäre der Versicherungsunternehmen bezahlt sondern die Verbraucher. Und die Empörung der Verbraucherschützer über insgesamt teurere Unisex-Produkte zeugt nicht von einem tiefen Verständnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge. Schließlich erhöht sich für die Unternehmen das Risiko mit ihrer Kalkulation daneben zu liegen.

Die Verbraucherzentralen werden wie auch die Stiftung Warentest öffentlich bezuschusst. Ist das noch gerechtfertigt?

Wolfsdorf: Ein funktionierender Verbraucherschutz ist durchaus wichtig und auch im Interesse des Staates. Es kann aber nicht angehen, dass mit Steuergeldern einzelne Branchen gezielt diskreditiert werden. Und auch die Beratung zu Produkten ist keine staatliche Aufgabe. Eine Diskussion darüber ist mir aber nicht bekannt.

*Prof. Dr. Kurt Wolfsdorfist ausgewiesener Marktexperte für Lebensversicherungen in Deutschland und ehemaliger Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte & Touche

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